„Wie Kochen Freu(n)de machen kann – oder Essen inklusiv(e)“ Carmen Thomas‘ Koch-Karussell in der Praxis

Ein neuer Weg für 2 aus der Nachbarschaft, 2 aus der Fremde, 2 Behinderte und 2 aus dem Team von „Mitten im leden“, dem Quartier in Bonn-Beul wird hier geschildert. Es geht um praktische Erfahrungen mit dem KochKarussell, dass Carmen Thomas als Antwort erfand, nachdem sie von einem Rentner hörte, der sich über 1 Jahr lang jeden Montag von einem Nachbarn sieben Dosen Erasco Hühnersuppe auf die Treppe stellen ließ.
Ein kurzes Info-Video stellt die Idee vor – hier zum Video
Der Artikel von Michael Heine beleuchtet, wie das KochKarussell in der Praxis funktioniert.

Eine ganz besondere Nachbarschaft findet sich im Quartier am Ledenhof. Im Stadtteil Vilich, der dem rechtsrheinischen Bezirk Beuel der alten Bundeshauptstadt Bonn zugeordnet ist, ist Diversität, also Verschiedenheit als Qualität, kein Fremdwort mehr. Hier leben ganz selbstverständlich junge, alte, eingesessene, hinzugezogene Menschen, Familien, Paare, Singles und: Eine Einrichtung des Landschaftsverbands Rheinland für erwachsene Menschen mit geistiger Behinderung.

Um die Teilhabe der Menschen (und zwar aller) im Stadtteil am öffentlichen und nachbarschaftlichen Leben zu fördern, wurde ein Quartiersmanagement eingerichtet und dazu das Projekt „mitten im leden“ gegründet. Dessen Aufgabe ist es, den Bedarf an gemeinschaftlichen Aktionen und Begegnungen zu ermitteln und dann eben diese Begegnungen zu initiieren.

Dabei gibt es drei Themen, mit denen besonders viele Menschen erreicht werden. Sport und Kultur und gutes Essen.

Und so entstand die Idee, das Koch-Karussell als Methode von Carmen Thomas im Quartier am Ledenhof anzubieten, denn es umreißt zugleich alle Maßgaben, die auch mitten im leden ausmachen

– Jede und jeder kann mitmachen

– alle tragen gleichberechtigt bei

– die Gruppe entscheidet

– geht nicht, gibt’s nicht

– das Wie ist genauso wichtig wie das Was.

Das Koch-Karussell im Quartier am Ledenhof

Die Gruppe:

Bunter könnte sie kaum sein. Das jüngste Mitglied der Gruppe hat seit kurzem sein zweites Lebensjahr vollendet, beim ältesten Mitglied der Gruppe wäre eine genauere Bezifferung des Alters unhöflich, das Rentenalter ist aber seit einiger Zeit deutlich überschritten.

Neben alteingesessenen Beuelerinnen und Beuelern gehören auch zwei aus dem Irak geflüchtete Frauen mit ihren Kindern zur Gruppe. Außerdem kochen zwei Frauen und ein Mann mit Behinderung mit, die von einem Mitarbeiter der Einrichtung begleitet werden. Die Ablaufmoderation des Koch-Karussells übernimmt in der Start-Phase Quartiersmanager Michael Heine.

Die Räumlichkeiten:

Anfänglich konnte das Koch-Karussell die Küche des Heilpädagogischen Zentrums (HPZ) nutzen. Da das HPZ aufgrund von Umstrukturierungsmaßnahmen aber temporär nicht zur Verfügung steht, wurde eine andere Lösung im Büro des Quartiersmanagements gefunden. Hier wurden kurzerhand mobile Kochplatten angeschafft. Motto: „Geht nicht, gibt’s nicht!“.

Der Rhythmus:

Die Gruppe trifft sich einmal monatlich zum gemeinsamen Kochen.

Der Ablauf des Koch-Karussells:

Nach einem kurzen „Türöffner“, beginnt das Koch-Karussell mit einem heiteren Symbol zum Einführen und um Konzentration und eine positive Atmosphäre zu schaffen. Wie der Name schon andeutet, werden dabei für alle Koch-Karten verteilt, die gerecht rotieren, so dass alle alle Rollen kennen und können lernen können.

Um den Menschen mit Behinderung einen Anker zu verschaffen, an den sie sich während des Karussells halten können, werden Tandems gebildet. Auch diese Tandems rotieren von Treffen zu Treffen und werden somit bei jedem Mal neu gebildet.

Ebenso verhält es sich mit den Rotations-Rollenkarten, auf denen die einzelnen Rollen beschrieben sind, die für ein gutes Mahl hilfreich sind.

So ist zum Beispiel ein Tandem an diesem Tag für die Auswahl und Zubereitung der Vorspeise zuständig und kümmert sich auch um Tisch-Decken, die Getränke und die Check-Punkte, die zum Start-Klar gehören. Das zweite Tandem beschäftigt sich derweil mit der Hauptspeise, richtet die Deko aus und serviert die Speisen. Das dritte Tandem übernimmt die Nachspeise, das Abräumen und Klar-Schiff machen.

Beim nächsten Treffen rotieren die Karten weiter, sodass jede und jeder mal jede Rotations-Rollenkarte bekommt und alles erlernen kann, was zum Zubereiten und Durchführen eines Essens dazugehört (Jpti-Spielregel Nr. 2: Genau wie Autofahren, Skat-, Fußball- oder Klavierspielen will auch das Kochen als Karussell-Spiel erlernt sein).

Bild: Einführung des „Koch-Karussells“ im Quartier am Ledenhof mit dem YouTube-Erklärvideo von Carmen Thomas.

Das Kochen wird so viel spielerischer, denn durch die Rotations-Rollenkarten sind die Aufgaben für alle im Tandem zu bewältigen und jede und jeder weiß genau (oder lernt gemeinsam), was zu tun ist.

Bild: Gemüse schnibbeln im Tandem.

Bild: Wie kochen Freu(n)de machen kann.

Dann kommt der wichtigste Teil des Koch-Karussells: das gemeinsame Essen.

Bild: So geht Kochen und Essen in Gemeinschaft.

Zum Abschluss sammelt die Gruppe mit der „Eskimo-Methode“ in einer Minute Ideen für die nächsten Speisen (s. YouTube „Erklärvideo Carmen Thomas Ratz-fatz Ideen in 1 Minute“ und „professionelle Kommunikation und Moderation“). Und nach dem Rotationsprinzip unterstreicht jede und jeder, was heute besonders angenehm war.

Mit Janus-Fragen klärt die Gruppe dann blitzschnell und zankfrei, welche Vor-, Haupt- und Nachspeisen beim nächsten Ma(h)l auf die Teller kommen.

Bild: Mit dem Janus klärt die Gruppe, wie es weitergeht.

Die verbindende Wirkung des Koch-Karussells

Das Projekt mitten im leden hat zum Ziel, die Menschen im Quartier in Kontakt zu bringen, Begegnungen zu schaffen und so ein neues Selbstverständnis im Miteinander herzustellen.

Das Koch-Karussell leistet dabei einen wertvollen Beitrag. Denn es ermöglicht – bei gleicher Zielsetzung ein leckeres und gesundes Essen – echte und gleichberechtigte Teilhabe. Denn jede und jeder kann mitmachen und beitragen.

Alle lernen gleichzeitig von- und miteinander. Das schafft großen Zusammenhalt in der Gruppe, der vor allem nicht von Einzelnen abhängig ist, von dem aber jede und jeder einzeln profitieren kann.

Beispiel: Die beiden Irakerinnen konnten durch das Koch-Karussell neue Kontakte knüpfen, deutsche Gepflogenheiten und die für sie neue Sprache (noch besser) kennenlernen. Umgekehrt wurde der Speiseplan der anderen Gruppenmitglieder durch wunderbare irakische Speisen bereichert.

Das Koch-Karussell wurde während eines Treffens als Multi-Win-Lösung bezeichnet. Die Wertschätzung für dieses Angebot drückt sich auch in folgendem Zitat aus:

„Das Koch-Karussell ist immer ein Termin, auf den sich alle – mit oder ohne Handicap – freuen. In Gemeinschaft international zu kochen und dann zusammen zu essen ist eine tolle Erfahrung.“, so Doro Schmitz, eine mitkochende Nachbarin. Die Vision gelebter Inklusion und die Wertschätzung von Diversität hat durch das Koch-Karussell im Quartier am Ledenhof an Qualität und Farbe gewonnen.

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